Psyche und Körper: Selbstkontrolle und Impulskontrolle und die Frage der individuellen Gesundheitsvorsorge

Im Gleichgewicht

Der Begriff des Gleichgewichts, der Homöostase, ist ein grundlegendes Konstrukt, wenn man die Vorgänge im Körper des Menschen beschreiben möchte.
Es gibt immer einen Teil, der aktiviert und erregt, und einen Teil der dämpft.
Beide Teile stehen in enger Kommunikation miteinander und sind gleichzeitig Partner als auch Gegenspieler, also Agonist und Erreger als auch Antagonist und Dämpfer. Gemeinsames Ziel ist die Herstellung eines Gleichgewichts, der Homöostase.
In unserem Nervensystem sind es die beiden Systeme des sympathischen Nervensystems als Aktivierer, auch Sympathikus genannt, und das parasympathische Nervensystem, der Parasympathikus als der Gegenspieler, der Antagonist, als dämpfendes System.

Der Dualismus: Agonist und Antagonist

Dieses Bild der Zweiteilung, des Dualismus, lässt sich in den meisten Vorgängen im menschlichen Körper feststellen.
Dies gilt auch für das Verhalten von Menschen, wenn es um seine Psyche geht.
Es gibt Menschen, die sich überaus stark von ihren Gefühlen steuern lassen, andere hingegen handeln äußerst vernunftbetont.
Auch dies beruht auf 2 Basissystemen, die, in enger Verbindung und Verknüpfung miteinander, das Verhalten des Menschen, sein Denken und Tun, lenken und leiten.
Befinden sich beide im Gleichgewicht, bilden sie die Grundlage und Voraussetzung für die psychische und physische Gesundheit des Menschen und seines Wohlbefindens.
Die entsprechende Wissenschaft ist die Psychosomatik.

Der Sympathikus – der Parasympathikus

Die Kernbegriffe, um die es hier geht, sind Selbst- und Impulskontrolle.
Man kann hier das Konstrukt von Sigmund Freud anwenden, der dem Menschen ein Triebsystem zuschreibt, dessen Sitz heute auch als das Reptiliengehirn bezeichnet wird. Dieser Teil des Gehirns ist empfänglich und auch süchtig nach neuen Reizen, Eindrücken, Genüssen, nach Sensationsmeldungen, letztlich also auch Drogen wie Nikotin, Alkohol und allen möglichen psychoaktiven Substanzen als Mittel für intensive und sinnenstimulierende Zustände.
Das Reptiliengehirn verlangt eine unmittelbare Befriedigung der Bedürfnisse und bildet somit die Pforte zum Suchtverhalten. Durch fortgesetzten Konsum erhöht sich mit der Zeit die Schwelle der Befriedigung, d.h. die Dosis muss gesteigert werden.
Auf der anderen Seite ist es die Eigenschaft dieses Teils des Nervensystems, das auch bei Gefahr Alarm auslöst und in gefährlichen Situationen den Menschen zu Reaktionen zwingt.
Bekannt ist das Reaktionsmuster auf Gefahr wie ‘fight or flight’, ‚kämpfe oder flüchte‘.
Diesem System des Sympathikus steht das System des Parasympathikus gegenüber, das den Erregungszustand nach überstandener Gefahr wieder auf ein Normalmaß herunterfährt. Kein Mensch kann auf Dauer im Alarmmodus leben.

Das Reptiliengehirn – der präfrontale Kortex

Es gibt aber auch einen Teil des menschlichen Gehirns, das dem Reptiliengehirn gegenübersteht. Es ist der präfrontale Kortex, also der Teil des Gehirns, der sich hinter der Stirn befindet. Hier wird, um im Bild zu bleiben, das verortet, was man das ‘Selbst’ des Menschen nennt. Hierunter versteht man die Vernunft, den Verstand und das Gewissen des Individuums. Es ist die Lenkungs-, Steuerungs- und Hemmungseinheit, die der Erregung entgegen wirkt und eine Situationsanalyse mit Risikoabwägung ermöglicht, um dann angemessene Entscheidungen treffen zu können.
Impuls als Repräsentation von Psyche, Trieb und Emotion steht der Reflexion als Repräsentation von Verstand, Vernunft und Gewissen gegenüber.

Ziel beider Systeme ist die Bewahrung und Wiederherstellung einer Balance zwischen dem Lustprinzip des Menschen in seinem Hedonismus als Individuum einerseits, und der Vernunft, der Ratio, als Instrument der Selbstbeherrschung des Menschen, was ihn als Individuum erst zum Gesellschaftswesen macht andererseits.

Der Mensch als Individuum und Gesellschaftswesen

Es ist letztlich die Erkenntnis, dass der Mensch in manchen Situationen auf die unmittelbare und egoistische Befriedigung seiner Bedürfnisse verzichten, auf später verschieben muss, um mit anderen Menschen in Gesellschaft leben zu können, damit so unter Umständen ein höheres Wohlbefinden im Einklang mit der Umwelt erreicht werden kann. Auch im Sinne eines höheren, vielleicht spirituellen Zieles.

Gene steuern - und werden gesteuert

Auch die Schulmedizin betont den engen Zusammenhang und denn starke Einfluss des individuellen Verhaltens des Menschen in seiner Denk- und Lebensweise auf den Körper als biologisches System.
Auf der Ebene der Genetik, der Epigenetik und der Molekularbiologie gilt der Grundsatz, dass die Gene nicht nur steuern, sondern dass sie auch gesteuert werden.
Äußere Reize verursachen Veränderungen der Gene, womit sie wiederum veränderten Einfluss auf unseren Körper ausüben. Aus systemischer Sicht besteht eine permanente Kommunikation der Gene untereinander, mit unseren Organen, unserem Bewusstsein und unserer Psyche. Die jeweiligen Änderungen in unserem Denken und Handeln wirken wie in einem kybernetischen Kreislauf wieder regulierend und steuernd auf die Gene zurück. Reize von außen erhöhen oder verringern ihre Aktivität, worauf andere Teilsysteme reagieren, um ein Gleichgewicht zu bewahren oder wieder herzustellen.

Die Genaktivierungsmuster

Ein über Dauer gepflegter ‚hedoner‘ oder hedonistischer Lebensstil zeigt sich auch in den Genaktivierungsmustern, die typisch sind bei Menschen, die sich risikoreich verhalten, an chronischen Entzündungen leiden, zu Herz-Kreislauf Problemen neigen. Die gleichen genetischen Muster lassen auch bei Krebs- und Demenzerkrankungen finden.
Die Alternative ist ein ‚eudaimonischer‘ Lebensstil, der sich durch planvolles und wohl überlegtes Verhalten auszeichnet, begleitet von Selbstachtsamkeit und Selbstfürsorge, wodurch in der Folge solche Genaktivierungsmuster erzeugt werde können, die einer Krankheitsanfälligkeit vorbeugen.
Bildgebende Verfahren belegen diese Erkenntnisse und Erfahrungen.
Es wäre falsch zu sagen, dass Krankheiten selbst verschuldet seien. Festzuhalten bleibt aber, dass eine gute Selbststeuerung als Ausdruck der Fähigkeit zur Impulssteuerung und Emotionsregulierung auch als unterstützendes Mittel sowohl zu Heilung und Genesung als auch zu Vermeidung und Vorbeugung dienen.

Das Potenzial zur Selbststeuerung

Wie zu Anfang erwähnt, ist der Mensch bei Geburt lediglich mit der Fähigkeit zur Selbststeuerung ausgestattet. Dieses Potenzial muss aktiviert und entwickelt werden.
Die Frage ist, wie dieses Potenzial aktualisiert und entwickelt werden kann.
Kinder in den ersten beiden Lebensjahren greifen nach allem, stecken alles in den Mund, um es ‘kennen zu lernen’. Es entspräche der sogenannten oralen Phase nach Sigmund Freuds Theorie der Entwicklung des Menschen. Dies hat aber auch eine Entsprechung im Erwachsenenalter.
Ab ungefähr dem 2. Geburtstag beginnt die Entwicklung eines ‘Selbst’ als Ablösung aus der dyadischen Beziehung zur Mutter. Das Kind beginnt sich als ein eigenes Wesen zu erfahren.
In der dyadischen Beziehung spiegelt die Mutter in der Nachahmung des Verhaltens des Kindes das Kind selbst. Das Kind, unbewusst, erfährt sich in seinem eigenen Spiegelbild in der Mutter in der dyadischen Interaktion.
Ein stabiles ‘Ich’ entwickelt sich aber nur, wenn Säuglinge in den ersten beiden Lebensjahren von der primären Bezugsperson intensiv gespiegelt werden. Hierin liegt aber auch das Problem bei der Unterbringung in U-3 Kitas. Der Betreuungsschlüssel von 1:3, d.h., eine Pflegekraft für drei Kinder als Minimum wird in den meisten Fällen nicht erreicht, womit die Notwendigkeit einer intensiven Kommunikation und Spiegelung nicht erfolgen kann.

Die Rolle der dyadischen Mutter-Kind-Beziehung

Die enge und intensive Phase der dyadischen Beziehung mit der primären Bezugsperson fördert u.a. auch die Reifung des dorsalen präfrontalen Kortex, dessen eigentliches Wachstum mit dem dritten Lebensjahr beginnt. Erst dann sind die Kinder in der Lage zu lernen, was es heißt zu warten, zu teilen und sich zu konzentrieren als Elemente der Selbstkontrolle. Selbstkontrolle selbstverständlich nicht zum Selbstzweck, sondern als Teil der Sozialisation, um ihnen ein Leben in ihrer Eigenschaft als Gesellschaftswesen in einer Gemeinschaft zu ermöglichen. Der absolute Egoismus und Hedonismus des Säuglingsalters findet seinen Antagonisten im Erwerb der Fähigkeit der Selbstkontrolle. Denn Kinder, die gelernt haben zu teilen, sich zu konzentrieren und eine unmittelbare Bedürfnisbefriedigung aufzuschieben, sind als Erwachsene psychisch und physisch gesunder, stabiler, beruflich erfolgreicher und sozial besser eingebunden als Erwachsene, die eine solche Verhaltenssteuerung nie eingeübt haben.

Selbstkontrolle und Selbstheilungskräfte

Aus schulmedizinischer Sicht ist eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbststeuerung ein wesentlicher Faktor der Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers.
Hierbei spielt der präfrontale Kortex eine entscheidende Rolle. Ihm kommt die Funktion eines inneren Arztes zu, da sein Einfluss auf alle neuronalen Netzwerke auch biologisch wirksam ist. Mit bildgebenden Verfahren zeigen entsprechende Aufnahmen die Aktivitätsmuster vor und nach Tests zur Erregung und Entspannung. Entsprechende psychotherapeutische Verfahren können somit als evidenzbasiert gelten und gehören nicht in den Bereich der Esoterik.

Die Bedeutung des präfrontalen Kortex

Das Stirnhirn, der präfrontale Kortex, hat Verbindungen zu den tieferen Teilen des menschlichen Nervensystems, Teile, die für die Homöostase sorgen, die wiederum auf den präfrontalen Kortex zurück wirken.
Es sind z.B. die Verbindungen zum Belohnungs-, Schmerz-, Immun-, Stress- und Motivationssystem, Systeme, die gemeinsam entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung, Bewahrung und Wiederherstellung der psychischen und physischen Gesundheit des Menschen und die Steigerung seiner Widerstandskraft, seiner Resilienz, haben.
Es werden Botenstoffe gebildet und freigesetzt, die z.B. das Immunsystem massiv stärken als auch schwächen können und so einen großen Einfluss auf das physische und mentale Wohlbefinden des Menschen haben und von großer medizinischer Relevanz sind.

Die ‚codierten‘ Erfahrungen

Der obere Teil des präfrontalen Kortex ist der Sitz von Netzwerken, die das ‘Selbst’ oder das ‘Ich’ des Menschen repräsentieren. In einer tieferen Ebene befindet sich das ‘Du’, das sich aus der zunächst dyadischen Beziehung zur primären Bezugsperson, dann auch aus den Beziehungen und Erfahrungen mit anderen Menschen aus der Entwicklung während der Kindheit und den daraus resultierenden Erfahrungen codiert sind.
Auch wenn die Erfahrungen und Erlebnisse oder konkrete Personen im Einzelnen nicht mehr zugänglich sind, so sind doch deren Abstraktionen in codierter Form als Persönlichkeitsanteile weiterhin wirksam, da Oberflächen- und Tiefenstrukturen des präfrontalen Kortex aufs engste miteinander verbunden und verwoben sind.
Die codierten Informationen können durch Reflexion und Analyse ins Bewusstsein gehoben und somit einer Bewertung unterzogen und der Kontrolle unterworfen werden.

Wechselnde Wirkungsstärke der Anteile

In der Ich-Du-Koppelung können die unterschiedlichen zu Persönlichkeitsanteilen codierten Personen und inneren Stimmen als Wirkkräfte in bestimmten Situationen und Zeitpunkten mit jeweils unterschiedlicher Wirkmächtigkeit auftreten. Dabei muss es dem Menschen durchaus nicht bewusst sein oder werden, welche Kräfte aufgrund welcher Ursachen sein Denken und Tun beeinflussen.
Jenachdem welcher Teil oder Anteil der Tiefenstruktur getriggert wird, kann der Mensch sowohl im Positiven wie im Negativen überwältigt werden und vollkommen die Kontrolle über sich selbst verlieren.

Das Bild des Menschen von sich selbst

Sprache und Handeln anderer Menschen können eine massive biologische Wirkung auf deren Gegenüber haben. Worte und Gesten der Anerkennung, der Motivation, der Bestätigung und Wertschätzung können einen Menschen wachsen lassen. Worte und Gesten der Entwertung, der Beleidigung und der Verletzung können den Menschen in seinem Selbstwertgefühl zerstören.
Wichtig ist aber auch, wie der Mensch zu sich selbst steht.
Sieht er sich als schwach und den Dingen als Opfer ausgesetzt, wird er einer Krise oder Krankheit auch mehr oder weniger ohnmächtig gegenüber stehen. Hat er es aber gelernt, sein eigenes Denken und Handeln zu reflektieren und damit Kontrolle zu gewinnen, kann er eine solche Lage auch anders bewerten.

Krise und Krankheit als Chance

Krise und Krankheit können auch eine Chance sein, sie als einen Wendepunkt, als Möglichkeit zur Entscheidung für mehr Selbstfürsorge und Abbau von Stressoren zu nutzen.
Ein solcher Stressor kann zum Beispiel der Druck von außen sein, fremde Erwartungshaltungen, die man bisher glaubte, erfüllen zu müssen.
Es stellt sich dann die Frage, ob ich das, was andere von mir erwarten oder wollen, eigentlich selber will. Ob ich dem noch länger nachgeben will, was meinen Leidensdruck erzeugt und noch steigert.
Mein Leiden übt Druck auf die aus, die mit, bei und neben mir leben.

Die Entwicklung von Selbst- und Impulskontrolle, auch und gerade durch eine psychologische Begleitung für eine bestimmte Wegstrecke im Erwachsenenalter, fördert die Selbstbestimmung, das Wohlbefinden und die Selbstheilungskräfte.
Im Rahmen einer therapeutischen Begleitung kann die Überzeugung zum ‚fight‘ wachsen und die Kraft zu einer schrittweisen Umgestaltung des Lebensstils führen.
Es bedarf nicht immer gleich einer großangelegten Therapie.

Walter Lenz, Ph.D. / HP psy.
Praxis für Psychologie
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