Die beiden Seiten der Angst

Wenn wir den Begriff Angst hören, verbinden wir ihn unmittelbar mit dem Begriff Angststörung. Dabei muss ein Gefühl der Angst aber nicht unbedingt eine Störung oder eine Einschränkung sein. Angst hatte und hat noch immer im Verlauf der Evolution der menschlichen Spezies eine Schutzfunktion.

Der Säbelzahntiger

Hätten unsere Vorfahren keine Angst vor dem Säbelzahntiger verspürt und hätten die Flucht ergriffen oder sich besonders vorsichtig verhalten, wären wir heute nicht hier. Denn der Säbelzahntiger hatte ganz gewiss keine Angst vor denen, die sie damals als Menschen oder deren Vorläufer wahrnahmen.

Störend und beeinträchtigend in der Vielfältigkeit des Verhaltensrepertoires und der Qualität des menschlichen Lebens ist hingegen die Furcht, die im Gegensatz zur Angst keinen konkreten Feind und keine definierbare Gefahr kennt. Furcht im Gegensatz zur Angst beeinträchtigt die Lebensqualität des Menschen und übt einen Leidensdruck aus.

Was Angst und Furcht gemeinsam haben

Trotzdem gibt es Bereiche, in denen sich Angst und Furcht in ihren Auswirkungen auf das menschliche Leben überschneiden.
Furcht grundsätzlich als menschliche Grundbefindlichkeit hilft uns, Situationen und Risiken zu meiden, die für uns gefährlich werden könnten; sie lässt uns oft ahnen, dass Gefahr droht.
Angst hingegen lässt uns mögliche Gefahren vorwegzunehmen, sie zu überlegen und uns entscheidungsfähig werden zu lassen. Also Entscheidungen treffen zu können, ob wir ein Risiko eingehen wollen oder nicht.

Die Rolle der Erzieher und der Erziehung

Auch unsere persönliche Entwicklung bestimmt, wovor wir Angst verspüren. Oft spielt das Verhalten der Eltern als Verhaltensmodelle und Vorbilder im Sozialisation- und Enkulturationsprozess eine wichtige Rolle. Wir lernen, wovor wir uns hüten müssen, sollen oder sollten. Es geht vom Verbot über einen ernst gemeinten Rat bis zur einfachen Empfehlung.
Ist die Vermittlung von Angst seitens der Eltern ein dominierender Teil der Erziehung, assistiert von begleitenden Denk- und Verhaltensmustern wie tiefsitzender Pessimismus und bereits chronifizierter Angst, sind Angststörungen und Panikattacken, Phobien und Neurosen die wahrscheinlichen Folgen.

Die vielgescholtene Genetik

Selbstverständlich gibt es Menschen, denen eine Veranlagung zu Angstverhalten mit in die Wiege gelegt wird. Dies kann genetisch bedingt sein, muss es aber nicht. Auch während der Schwangerschaft erlebt die werdende Mutter Angstsituationen, die sich in ihrem Stoffwechsel der Transmitter repräsentieren, was wiederum Einfluss auf den Transmitterstoffwechsel des werdenden Lebens hat. So kommen prä- und perinatale Faktoren zu den postnatalen der Erfahrungen und Prägungen des Kindes selbst.

Hier kommt der Begriff der Epigenetik ins Spiel. Mittlerweile ist bekannt, dass Erfahrungen und Erlebnisse eines Menschen die Qualität und Funktionalität der Gene beeinflussen kann. So können unter Umständen Gene verändert werden, die wiederum andere Gene ein- oder ausschalten können. So gesehen gewinnt die alte Frage nach nature or nurture, also was bestimmt das Verhalten des Menschen, die genetische Ausstattung oder der Einfluss der Umwelt, in seiner tieferen Komplexität eine ganz neue Bedeutung.

Die Folgen und Spätfolgen

Menschen, die sich einer dysfunktionalen Angst, also einer Angststörung ausgesetzt fühlen, entwickeln dysfunktionale Glaubenssätze, ein negatives Selbstbild und ein stark vermindertes Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, was sie noch tiefer in den Teufelskreis der dunklen Seite der Angst treiben lässt. Eine Stufe dieser Entwicklung kann der Zustand der gesteigerten Sensibilität bis hin zur Hochsensibilität sein. Das Wahrnehmungssystem ist empfindsam, also wenig belastbar, und dessen Verarbeitungskapazität ist sehr eingeschränkt. Werden beide System und dessen Kapazität gleichsam schockartig überlastet, kann es zu Angst- und Panikattacken kommen.

Voraussetzungen für den therapeutischen Erfolg

Es ist die Aufgabe der Therapeutinnen und Therapeuten, dies aufzudecken und den Klientinnen und Klienten entsprechende Hilfsangebote darzulegen.
Zunächst aber muss über psychoedukative Schritte die Krankheitseinsicht auf der Seite der Klienten geweckt werden, um somit die Mitarbeitsbereitschaft, die Compliance, etablieren zu können. Gegen den Willen und ohne die Zustimmung der Betroffenen bleiben auch die beste Therapien und die fähigsten Therapeuten ohne Erfolg.

Walter Lenz, Ph.D. /M.Ed. /HP psy.
Praxis für Psychologie
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