Cannabis: Droge und Medikament?

Ganz gleich, welche Art der Substanzabhängigkeit vorliegt, sei es Alkohol, Nikotin, Cannabis oder Opiate, der Vorgang im Gehirn ist immer der gleiche: es ist der Einfluss auf das Dopaminsystem, auch Belohnungssystem genannt.

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Dieses System ist zuständig für die Neugier, das Verlangen, das Lernen und das sich daraus ergebende Verhalten in Emotion und Aktion.

Unser Körper produziert seine eigenen Cannabinoide, wenn sie gebraucht werden, um das Gleichgewicht zwischen Erregungs- und Dämpfungssystem zu halten oder wieder herzustellen. Diese Fähigkeit der sich selbst regulierenden Homöostase im Prinzip der kommunizierenden Röhren wird durch die wiederholte oder regelmäßige Zufuhr von Cannabis empfindlich gestört und geschädigt.

Hinzu kommt, dass die althergebrachten Cannabisprodukte der Hippie-Generation lediglich 1-2% des Wirkstoffes THC (Tetrahydrocannabinol) als psychoaktive Substanz enthielt. Durch neue Züchtungen konnte dieser Anteil jedoch auf 10-20% erhöht werden. Dafür sank aber der nicht-psychoaktive Anteil an CBD (Cannabidiol).

Der gelegentliche Konsum von THC führt je nach Intensität Konsums zu einer einfachen Entspannung oder einem einfachen High-Gefühl. Der dauerhafte und gewohnheitsmäßige Konsum zeigt jedoch weitere und ernstere Wirkungen.
Während die Signalübertragung vom ‚Normal‘ zum ‚High‘ immer funktioniert, wird die Rückkehr vom High zum Normal immer schwieriger. Das Belohnungssystem fordert ‚sein Recht auf ein High‘ immer nachdrücklicher ein: es entstehen Entzugserscheinungen als Grundlage des Störungsbildes ‚Substanzabhängigkeit‘ mit sich steigernder Dosis.

Die allgemeine Motivationslage des Konsumenten sinkt, die Stimmungslage trübt sich ein, das P-P-Syndrom aus Passivität und Pessimismus in Form der Depression bildet sich aus. Die Entwicklung eines Sucht- und zum Teil auch Schmerzgedächtnisses als sich verfestigende neuronale Struktur wird folgen.

Die Folgen hängen nicht nur von Dauer, Häufigkeit und Intensität des Konsums in Form von ‚Kiffen‘ ab. Je nach genetischer Veranlagung, psycho-emotionaler Grundstruktur und psycho-sozialer Einflüsse (psycho- und sozio-biologischer Vulnerabilität) und situations-aktueller Befindlichkeit des Konsumenten (Trauer, Krankheit oder Verlust durch Liebeskummer) kann sich das P-P-Syndrom bereits nach wenigen Malen des Konsums und der Intoxikation entwickeln und manifestieren.

In den tieferen Hirnregionen befinden sich Teile, die eine hohe Dichte von sogenannten CB 1-Rezeptoren besitzen. Diese Rezeptoren sind zuständig sowohl für die vom Körper selbst produzierten Cannabinoide, als auch für die von außen zugeführten. Betroffen sind der Hippocampus als Schaltstelle, in und an der entschieden wird, welche Informationen aus dem Kurzzeitgedächtnis in das Langzeitgedächtnis übergeführt werden. Er reguliert auch im Wesentlichen die Lernprozesse des Menschen.

Weiterhin betroffen ist die sogenannte ‚substantia nigra‘, die zuständig ist für Planung und Beginn einer Bewegung, einer Ausführung einer Handlung, sei sie nun positiver oder negativer Art. In Zusammenarbeit mit dem präfrontalen Cortex werden so geplante oder sich noch in der Vorstellung befindlichen Handlungen gestoppt oder zur Ausführung freigegeben. Wenn keine Störung vorliegt, erfolgt zunächst eine Folgeabschätzung im präfrontalen Cortex. Funktioniert diese Impulskontrolle aufgrund eines Drogenmissbrauchs nicht mehr, geht ein Verlust der Selbstkontrolle einher. Menschen agieren dann hemmungslos.

Es wäre interessant, den Zusammenhang zwischen früh-jugendlichem Cannabiskonsum und juveniler Gewaltkriminalität zu untersuchen, wenn Beschaffungskriminalität einmal außer Acht gelassen wird.

Ein weiteres beteiligtes Hirnorgan ist die Amygdala. Sie ist so etwas wie das Alarmsystem im menschlichen Körper. Zusammen mit dem Hippocampus regeln diese beiden Gehirnzentren die Art der Gefühlsäußerungen des Menschen und sind bei der Entstehung von Alarmstimmungen und Angstgefühlen beteiligt. Diese beiden Stimmungslagen und die damit verbundenen Störungen haben wiederum großen Einfluss auf die Funktionsfähigkeit unseres Immunsystems.

Es folgt als viertes Hirnorgan der Hypothalamus. Er regelt als Teil des vegetativen
Nervensystems die Basisfunktionen des Körpers. Diese sind u.a. Atmung, Herzschlag und den Stoffwechsel, Körpertemperatur, Durchblutung, Wasser- und Elektrolythaushalt und bestimmen somit mittel- und unmittelbar die körperliche, emotionale und seelische Befindlichkeit des Menschen.

Alle 4 Organe sind in hohem Maß beteiligt und verantwortlich für die Entwicklung von Angststörungen, Depression und Formen der Zwangsstörung.

Intensiver und langanhaltender Cannabiskonsum führt unweigerlich zu Beeinträchtigungen der geistigen Fähigkeiten des Menschen; er reduziert die Motivation und erhöht die Anfälligkeit für Psychosen, da die Signalübertragungswege im Gehirn erheblich ge- und u.U. sogar zerstört werden. Höchstriskant ist der frühjugendliche Cannabiskonsum, wenn das Gehirn noch notwendige Entwicklungsphasen zu durchlaufen hat.
Wer täglich Cannabis konsumiert, entwickelt eine fünfach höhere Wahrscheinlichkeit früher oder später Opfer psychotischer Störungen zu werden.

Der Konsum von Cannabis vor dem 18. Lebensjahr hat nachweislich einen höchst negativen Einfluss auf die Reifung und Entfaltung des dopaminergen Systems (Erregungssystem, Impulsivität, Impuls- und Selbstkontrolle).

Konsum bei Heranwachsenden im Alter von 14-17 Jahren kann nachweislich zu Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit bis in Erwachsenenalter führen, was z.B. Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne betrifft.

Weiterhin lassen sich bereits nach nur kurzfristigem ‚Genuss‘ außer Konzentrations- und Aufmerksamkeitsdefiziten, geringere Lernleistungen, Mängel in der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, Schwierigkeiten in Mathematik sowie Einschränkungen der Gedächtnis- und Erinnerungsleistungen feststellen. Organische Veränderungen zeigen sich insbesondere im präfrontalen Cortex, der Gehirnregion hinter der Stirn, die allgemein als Sitz dessen gilt, was als Gewissen bezeichnet wird. Es ist die letzte Entscheidungsinstanz, ob und wie ein Mensch handelt.

Die vorgenannten schädigenden Verhaltensweisen und Einflüsse auf das Gehirn und seine Entwicklung führen durch das chronisch gesteigerte Erregungsniveau durch die Amygdala zur Entstehung von sich chronifizierenden Angststörungen, insbesondere dann, wenn Heranwachsende sich dem regelmäßigen und sich steigernden Cannabiskonsum hingeben.

Bei unterschiedlichen Leidensbildern und Erkrankungen kann in einer Behandlung auch die Wirkung des körpereigenen Cannabinoid-Systems mit einbezogen und medikamentös unterstützt werden.

So, z.B. bei Schmerzerkrankungen, Entzündungen, Depression, Angststörungen und sogar bei Krebs. Cannabis, therapeutisch verantwortungsvoll eingesetzt, kann helfen, dass dysfunktionale neuronale Netzwerke, wie Schmerzgedächtnis, nicht entstehen, wie umgekehrt der unkontrollierte Cannabis-Konsum solche Netzwerke erst möglich machen können.

Eine umfassende Meta-Analyse mit 79 Einzelstudien und insgesamt 6462 Patienten lässt vermuten, dass bei der Behandlung von chronischen Schmerzen und Krampfanfällen der Einsatz von Cannabis durchaus nützlich und hilfreich sein kann.

Die Datenlage bei der Reduzierung von Übelkeit und Übergeben im Verlauf einer Chemotherapie bei Krebserkrankungen wird als noch nicht hinreichend gesehen. Ebenso sieht es in diesem Zusammenhang mit den Zielen der Gewichtszunahme, Behandlung von Schlafstörungen im Rahmen einer Chemotherapie sowie und des Tourette-Syndroms aus. Weitere Studien sind notwendig, um hier zu klaren Empfehlungen gelangen zu können.
Bei allen dokumentierten Anwendungen konnten vorübergehende Störungen wie Taubheitsgefühle, Mundtrockenheit, Übelkeit, Orientierungsstörungen, Verwirrtheit, Haluzinationen und Stoffwechselstörungen festgestellt werden.

Auch neuere Untersuchungen im Bereich der Psychiatrie lassen keine endgültig belastbaren Schlussfolgerungen zu, weil entweder die Datenlage es nicht zulässt, oder die Studien methodisch nicht einwandfrei durchgeführt wurden.

Zur möglichen und wahrscheinlichen Legalisierung von Cannabis ist auf folgende 7 Punkte hinzuweisen:

Insgesamt fehlt es aber an großen, umfassenden und repräsentativen Studien, um zu endgültigen und belastbaren Empfehlungen zu kommen.

Quelle: Cannabinoids in Medicine: Limitless Hope or Hype? Christoph Renninger in: Medscape, May

Walter Lenz, Ph.D. / HP psy.
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