Aktuelles

Buchbesprechung                                 

Szenen aus dem Herzen
„Unser Leben für das Klima“ von Greta & Svante Thunberg
Beata & Malena Ernman

Inhalt

Man könnte den Titel des Buches  ‚Szenen aus dem Herzen – Unser Leben für das Klima‘ ehrlicher formulieren in ‚Szenen einer Familie – Leben am Rande des Abgrunds‘.

Natürlich werden die Anhänger der Fridays for Future Bewegung den Inhalt anders rezipieren, als es ein Leser aus einer kritischen Distanz tun wird.

Kritische Distanz bedeutet hier nicht, dass der Rezensent ein Klimaleugner, Flatearthler oder gar Trumpist ist. Ganz im Gegenteil. Kritisch rationale Distanz heißt hier, den Inhalt einmal aus einer unvoreingenommenen Perspektive kritisch reflektiert zur Kenntnis zu nehmen.

Um ein Teilergebnis vorwegzunehmen, es ist kein Buch von und über Greta, und es ist auch nicht von ihr erzählt. Es ist Mutter Erna, die fast ausschließlich zu Wort kommt und die Leidensgeschichte ihrer Familie dem Leser nahebringt.

Es ist die Leidensgeschichte, psychologisch gesprochen die Selbstanamnese, einer ganzen Familie, von deren vier Mitglieder drei an Asperger leiden. Lediglich Vater Svante scheint unbetroffen. Und selbstverständlich der Hund. Opfer aber sind sie allemal.
Eindrücklich werden die Schwierigkeiten und Probleme geschildert, mit denen sich die Familie konfrontiert sieht  und wie sie damit umgeht.

Es geht aus psychologischer und psychotherapeutischer Sicht nicht um die Frage Klimakrise ja oder nein. Es geht ausschließlich um das Leiden des sozialen Systems ‚Familie Thunberg‘ und dessen Folgen.

Die Vorgeschichte

Es ist müßig, Gretas Biografie erneut im Detail hier darzulegen. Bekannt sind die Bilder, wie das kleine Mädchen mit dem Schild vor dem Reichstag in Stockholm sitzt, offenbar zufällig ein Fotograf vorbeikommt und das Bild seinen Weg in die Medien dieser Welt findet.

Greta ist die ältere der beiden Töchter von Svante Thunberg und Malena Ernman. Er, nach Angaben seiner Frau, ein recht mittelmäßiger Schauspieler und Produzent, sie, nach eigenen Angaben, eine äußerst erfolgreiche Opernsängerin, die 2009 sogar  ihr Land beim Eurovision Song Contest vertrat. Auch hier mit mäßigem Erfolg.

Im Mittelpunkt der familiären Bemühungen steht Greta, die sich von klein auf äußerst verhaltensauffällig zeigt. Alle Anstrengungen der Familie, Hilfe zu erlangen, scheitern in Schule, lokalem Gesundheitswesen und auch bei nationalen Einrichtungen.  Es entstehen Frustrationen, aus diesen Frustrationen entwickeln sich Aggressionen, die sich wiederum gegen die Familie selbst oder gegen Andere richten können. Die Familie Thunberg-Ernman nutzt die Aggressionen als Kraftquelle für Aktionen für den Umweltschutz, für den Kampf gegen den Klimawandel.
So weit, so gut.

Fraglich wird der Kampf aber, wenn er die Dimension ‚Wir retten die Welt‘ annimmt.

Rezension

Ausgangspunkt der Rezension ist die Aussage  von Mutter Malena Ernman, dass nicht nur die Familie sich in einer Krise befindet, sondern mit ihr  auch die ganze Menschheit, weil sie fernab der Nachhaltigkeit, losgelöst von der Natur vor sich hin konsumiert. Die Beziehungen zur Umwelt sind erheblich gestört, erste Zeichen von Depersonalisation oder Derealisation, nach DSM 5 unter ‚dissoziativer Störung‘ kategorisiert.
So ist es nur allzu verständlich, dass in dieser Familie es nichts Durchschnittliches, nichts Normales gibt. Alles ist schwarz oder weiß, gut oder böse, Katastrophendenken beherrscht die Atmosphäre, man lebt förmlich am Rande der Hölle, die Kinder schlafen, während alles um sie herum zusammenbricht. Die Mutter singt ununterbrochen, die Tochter weint ununterbrochen oder sie streichelt stundenlang den Hund.

Greta leidet an Essstörungen, und wenn sie essen soll, bekommt sie eine Angstattacke, stößt einen abgrundtiefen Schrei aus, der über 40 Minuten anhält und der Vater sackt auf dem Fußboden zusammen und über mehrere Stunden hinweg befindet sich die gesamte Familie im freien Fall, wobei sich die Pforten der Hölle öffnen.

Kurze Zeit später zeigt auch die jüngere Schwester erste Anzeichen einer Störung aus dem Asperger Spektrum (ASS).  Störung mit Sonderbegabungen bei Vater und Tochter. Während Greta ein fotografisches Gedächtnis besitzt und alle Hauptstädte der Welt aufzählen kann, womit sie ihrem Vater ähnlich ist, der als Kind Flugpläne auswendig gelernt hat, während die Tochter in weniger als einer Minute alle Elemente des Periodensystems aufsagen kann. Die Mutter selbst berichtet, dass ihre Tochter Asperger hat, hochfunktionalen Autismus und unter Zwangsstörungen leidet.

Sie kommt zur Erkenntnis, dass es nach ihr und Theodor W. Adorno kein richtiges Leben im Falschen gibt, weil im Endeffekt sich alles auf die Nachhaltigkeitskrise reduziert, die letztlich die Menschheit zum Kern ihres Gesundheitszustandes führt.

Die Menschheit ist krank, also auch die Familie Thunberg. Die Menschheit muss gerettet werden, denn ihr (der Menschheit) geht es beschissen, der Familie geht es beschissen, ihr (der Mutter) geht es beschissen, ihrem Mann geht es beschissen und sogar dem Hund geht es beschissen.

Mag man am Anfang der Thunbergschen Leidenselegie noch hoffen, dass zumindest dem Hund das Leiden erspart bleiben möge, wird man jetzt auch hier enttäuscht.

Dennoch stellt sich Mutter Malena die Frage, wie sie die größte Kraftanstrengung der Weltgeschichte in Angriff nehmen soll, wenn sie nicht gehört wird. Sie mutiert zur Superwoman. Malenas Superkraft ist ihr Fluch und ihre Gabe, die fast immer von Vorteil war, die sie jetzt aber nicht mehr kontrollieren kann, weil all ihre Energie mittlerweile dafür drauf geht, alles irgendwie am Laufen zu halten.

Gedanken und Gefühle der Selbstüberschätzung, der Megalomanie, landläufig auch Größenwahn genannt.  Real-Ich und Ideal-Ich als Extreme eines Kontinuums vereint in einem Menschen.

Zu all dem gibt es noch eine notwendige Portion Kapitalismuskritik und ein vernichtendes Urteil über das Patriarchat, als die beiden Grundübel des Grund-Grundübels, das der mangelnden Nachhaltigkeit.

Höhepunkt des Katastrophendenkens formuliert Mutter Malena wie folgt: Unser Planet leidet an einer ernst zu nehmenden Krankheit, und wir müssen dringend umfassende ärztliche Maßnahmen einleiten. Wir brauchen eine Notfallbehandlung.

Die Generationenfrage

Ganz zum Abschluss wird dem Leser und der Tochter aus Mutters Mund mitgeteilt, dass ihre Generation es sein wird, die die Welt rettet, die Tochter die Nase dabei rümpft, genauso wie es ihr Großvater immer getan hatte. Ein Mann, der durchs Leben ging wie die stilsicherste Karikatur einer Person mit Asperger, die man sich nur vorstellen kann. Nur dass ihm nie eine Diagnose gestellt wurde. Sie sind sich zum Schießen ähnlich.
Asperger in der dritten Generation.

Bei aller ernstgemeinten Besorgnis um die Folgen des Klimawandels und dessen sozialer Konsequenzen  bleibt die Frage, wer der Notfallbehandlung am dringendsten bedarf.

Es ist erstaunlich und befremdet sehr, dass bei vielen umstrittenen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens die medialen Küchenpsychologen sich über Körpersprache, Wortwahl, Handlungsmotive und Vergangenheit der Protagonisten interessieren und darüber mehr oder eher weniger qualifiziert spekulieren, wie im Falle des möglichen NarzisstenTrump oder  der vermeintlichen endlosen Potenz des Bunga-Bunga Seniliano, nicht aber darüber, was möglicherweise die Urheber einer globalen Bewegung zu dem gemacht hat, was sie heute sind und es quasi autobiografisch auf den Tisch der globalen Medien legen.

Das Buch reiht sich in die Reihe der Weltuntergangsprophezeiungen ein, ist geprägt von Alarmismus und Mitleid heischendem Gestammel. Es wurde offenbar auf die Schnelle geschrieben, um die Gunst der Lage auch auflagenmäßig zu nutzen, denn wie schnell kann ein medial geförderter Hype vorübergehen und ein Großteil der Auflage mag im Antiquariat landen. Es ist schwer, der Chronologie der Ereignisse zu folgen, denn Vergangenes und Gegenwärtiges, Alltägliches und philosophisch, sozial-ethisch und ökonomisch Grundsätzliches bilden ein schier unauflösliches Konvolut von Gedankensplitter und Ideologieversatzstücke, die den chaotischen Zustand der Familie literarisch (ist es literarisch?) wiederspiegeln.

Schlussfolgerung

Man möge weiterhin an Demonstrationen der Fridays for Future Bewegung teilnehmen. Ich tue es auch. Man möge sich aber auch ausreichend über die Hintergründe informieren, um gegen eventuelle Manipulationen gewappnet zu sein. Jede Massenbewegung trägt ihr eigenes Entgleiten und Pervertieren als integrales Systemelement in sich. Ihre Attraktivität entfaltet sowohl eine Zentrifugalkraft, die Mitglieder veranlasst, sich von ihr abzuwenden, als auch eine Zentripedalkraft, die Kräfte anzieht, deren Nähe sie ursprünglich nicht suchte.

Walter Lenz, Ph.D. /M.Ed. /HP psy.
Praxis für Psychologie
und Psychotherapie (n. HPG)
Haßlocher Straße 73 [google map]
65428 Rüsselsheim
Mobil: 0162 941 2456 (Praxis)
Telefon 06142 65637 (privat)
praxis@walterlenz-ruesselsheim.de

Ich unterstütze die Lebenshilfe Rüsselsheim / www.lebenshilfe-ruesselsheim.de / www.twitter.com/dielebenshilfe.